Tourtagebuch Part 03: Aus dem Chorizo-Mekka über den Palast der leisen Töne zur Luxusbeschallung auf Plastikstühlen

Stuttgart II
Dass keiner unserer Tourstationen bisher zwei Abschnitte gewidmet wurden, der Metropole des Schwabenlands jedoch schon, hat gar viele gewichtige Gründe. Kollektives Hin- und Hergerissensein zwischen Schockstarre und unterdrücktem Kichern im Vehikel eines manischen Taxifahrers mit orientalischen Wurzeln und schwäbischem Akzent, der uns in Rekordzeit gen Marienplatz schanzt und dafür um ein Haar das Leben eines Motorradfahrers opfert. Ein Traum aus Chorizo, Ziegenkäse und etwa dreiundvierzig verschiedenen Saftsorten im Galao bei Frühstücks-Ikone Reiner. Und last but not least ein vor Abfahrt gemeinsam belauschtes Telefonat, dessen Essenz sich auf eine in jeglichen Lebenslagen anwendbare Weisheit beläuft: „Chillax“.

Karlsruhe
3 Stunden Fahrt für eine Strecke von 79 km bei Stau und 35 Grad? Kein Problem. Just chillax.

Wir spielen infantile Spielchen und erfinden absurde Berufe zu jedem Buchstaben des Alphabets.

In Karlsruhe werden wir nicht nur von alten Freunden warmherzig empfangen, nein, auch der Tontechniker hat in bislang ungekanntem Maße unser Wohlbefinden und den Schutz unserer geschundenen Trommelfelle im Sinn. Aus dem Applaus des sympathischen Publikums schließen wir freudig, dass unsere Musik dennoch vernommen wird, und genießen den restlichen Abend.

Mit zwei Tagen Distanz zu unserem Darmstädter Exil-Trauma planen wir am nächsten Morgen, heute nun endlich noch einmal Zuflucht vor der Hitze im kühlen Nass zu suchen. Der Weg verläuft nicht besonders stringent, aber letztlich erfolgreich, und wir plantschen üppige fünfzehn Minuten lang in den türkisfarbenen Wogen. Leider erweist sich das wohltuende Vergnügen im Nachhinein als nicht ganz ungetrübt, denn auf wundersame Weise kommt Willi währenddessen die unter (!) seiner Badehose befindliche Boxershorts abhanden. Totally weird. In mehrfacher Hinsicht.

Offenbach
Angekommen am kürzlich eröffneten neuen Hafen 2 freuen wir uns bereits über ein unerwartetes open air-Konzert nach den vorangehenden Abenden des Zerschmelzens. Noch größere Freude bereitet uns aber Thorsten, dem wir im Geiste den Lingby-Award als most chillaxed soundguy ever verleihen. Neben seiner Tiefenentspanntheit besticht er auch durch fachliche Kompetenz und besitzt die beachtenswerte Fähigkeit, sich unserem am letzten Tourtag minütlich sinkenden kommunikativen Niveau flexibel anzupassen. Wir fühlen uns verstanden und wollen ihn wiedersehen. Im Laufe des Konzertes füllen sich dann auch die langen Reihen aus weißen Plastikstühlen zunehmend und machen den letzten Gig trotz der langsam durchschlagenden Mischung aus Melancholie und Debilität zu einem Höhepunkt der Tour.

Abschließend bleibt uns nur, uns bei allen Gastgebern und Zuhörern zu bedanken. Und bei Linus und seinen spektakulären pinkfarbenen Sunglasses. Und bei Thom Yorke.

Sie waren ganz wunderbar, diese Summergames. Musikalisch, klimatisch und kulinarisch.  Jetzt machen wir kurz Urlaub und sind dann ratzfatz wieder da mit neuen Songs. Bis dahin: Chillax, bitches. 

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